Kriegt der Sterne?

Mein Raglan-Pullover-Abenteuer hatte sehr aufregend begonnen, weil ich zunächst nicht wusste, was ich da überhaupt mache und welche Masche hinterher an welcher Stelle des Pullovers platziert sein würde. Daher hatte ich mich entschieden, von allem das einfachste zu stricken, um jeden Schritt verstehen zu können: Also 1 linke Masche für die Raglan-Linie, ansonsten glatt rechts in Runden. Vom Spannungsgrad also wohl vergleichbar mit … ach, seht selbst!

Es stellt sich also heraus, dass der Anfang vom Raglan-Pullover gar nicht so schwierig war, wie es zuerst klang. Und dann hatte ich vor allem jede Menge rechter Maschen vor mir. Rechte Maschen, überall nur rechte Maschen. Also, habe ich mir überlegt, suche ich mir ein Strickmuster für einen hübschen fünfzackigen Stern und stricke den in einer anderen Farbe in das dunkle Blau meines Raglan-Pullovers. Aber wie sagt man so schön: Gut gesucht ist noch lange nicht gefunden. Es gab also tatsächlich nirgends im ganzen großen Internet ein schickes Sternmuster, genau so wie ich es haben wollte. Also: Selbst ist die Frau. Was mit einem ungespitzten Bleistift begann, endete als Odyssee am Rechner. In Word habe ich mir aus lauter großen Xn einen wunderbaren Stern zusammengetippt. Ungefähr so:

stern-word

Euphorisiert von diesem ansehnlichen Sternbild habe ich also losgestrickt, mit lila Wolle in deren Mitte ein leuchtend orangefarbener Stern eingestrickt werden sollte. Ich habe ein paar Maschen mehr angeschlagen, als ich für das Bild tatsächlich brauchte, damit das Ganze ein bisschen Stabilität bekommt. Voller Zuversicht und Tatendrang strickte ich also auf meinen Stern zu, dann die neue Farbe, Hinreihe, Rückreihe, der Stern nahm tatsächlich Form an. Ich hatte in einem meiner schlauen Bücher gelesen, dass man nicht zu viel Zug auf den Fäden haben darf, die man hinten mitführt, aber auch nicht zu wenig, damit es keine Löcher gibt. Bemüht, alle Ratschläge zu befolgen, strickte ich also diesen Stern. Und am Ende gab es ein Ergebnis: Einen orangefarbenen Stern auf lila Grund, der ein bisschen aussah, als hätte man einen Gummibären zu lange zwischen den Fingern herumgedrückt:

stern-verkackt

Das war es also nicht, was ich gestrickt haben wollte. Warum nur sah dieser Stern so bescheuert aus? An den Querfäden lag es nicht, dann hätte sich das Motiv vermutlich ein wenig zusammengerollt, aber es wäre nicht so zerdrückt gewesen. Das war der Abend, an dem Google die Worte „Strickmotiv“ und „gequetscht“ in dieser Kombination in seinen Index aufnahm. Und wieder mit Ergebnis: Eine Strickmasche ist eigentlich niemals genau so hoch wie breit, sie ist eher querformatig, in einem bestimmten Seitenverhältnis. Hätte man auch selbst drauf kommen können. Meine Word-Grafik hatte also genau die falschen Proportionen dargestellt. Die großen Xe sind ja vieles, aber nun wirklich nicht querformatig.

Die nächsten Helferlein des Tages: Der sogenannte Knitter’s Graph Paper von Sweaterscapes oder, ein kleines bisschen einfacher, weil das Tool das Seitenverhältnis selbst ausrechnet, das Actual Size Graph Paper von Tata&Tatao aus Japan. Hier muss man einfach die Maschen- und Reihenzahl von einem 10×10 cm großen Stück Maschenprobe eingeben, ein paar Konfigurationen für’s PDF bestimmen (Maßstab, Linienstärke etc.) und fertig. Druckbare Linienraster, in die man sein Wunschmotiv reinmalen kann. Für ganz umsonst.

Also habe ich wieder meinen stumpfen Bleistift herausgekramt und versucht, den Stern aus Word, der sich als falscher Freund entpuppt hatte, diesmal in Kästchen mit realistischem Seitenverhältnis zu übertragen. Das wäre bestimmt auch gegangen, wenn ich nicht einfach viel zu ungeduldig gewesen wäre. Ich und der Bleistift. Also wieder an den Rechner, in meinem Lieblingsprogramm InDesign von Adobe ein Raster im richtigen Seitenverhältnis aufgezogen und die Flächen einfach gefärbt. Mit dem digitalen Radiergummi klappte das wie geschmiert. Und am Ende stand ein Stern, zu dem ich Vertrauen hatte. Ich war überzeugt, der würde klappen.

Also wieder losgestrickt, diesmal direkt am finalen Pullover. Deswegen habe ich auch die zusätzliche Challenge weggelassen und, anstelle einer zweiten Farbe, einfach linke Maschen gestrickt, dort, wo sich der Stern abzeichnen sollte. Und siehe da: ein formschöner, proportionaler, 1A-Spitzen-Stern prangt als zartes Relief nun in der Mitte meines ansonsten eher wenig anspruchsvollen Raglan-Pullovers:

stern-schoen

Mein Lernerfolg diesmal: Nur weil Word sagt, es sieht aus wie ein schöner Stern, sieht es noch lange nicht aus wie ein schöner Stern. Das Seitenverhältnis der Maschen ist wichtig, wenn es wirklich schön werden soll. Aber wenn man das im Kopf behält, kann man so ziemlich alles stricken, was einem einfällt.

Und: Google sieht alles. Welches Problem auch immer man hat – es gibt eigentlich immer jemanden, der sich daran ebenfalls schon mal die Zähne ausgebissen hat. Vielleicht nicht immer in deutscher Sprache. Yours, Liesl.

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