Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Strickschrift falsch gelesen

Da hatte ich mir was vorgenommen. Zum ersten Mal wollte ich anhand einer richtigen Strickschrift stricken. Einen bezogenen Bilderrahmen. Ich hatte gedacht, ein Bilderrahmen kann ja nicht so schwer sein. Sieht hübsch aus, aber die Reihen sind nicht so lang wie bei einem Pullover zum Beispiel. Also Bilderrahmen. Die Anleitung hatte ich über die bewährte Google-Suche gefunden und zwar bei zuhausewohnen.de, und die hatte mich darauf vorbereitet, dass ich sowohl Zöpfe als auch Noppen stricken müssen würde. Zöpfe hatte ich schon mal geübt, aber Noppen waren mir neu. Zum Glück hatte die Anleitung auch daran gedacht und das Vorgehen erklärt: Aus einer Masche fünf Maschen stricken. Klingt komisch, geht aber zum Beispiel so: Eine Masche stricken, die Masche auf der linken Nadel lassen, einen Umschlag, eine Masche durch die gleiche Masche stricken, einen Umschlag, noch eine Masche durch die gleiche Masche stricken – sind genau fünf Maschen. Das Strickstück drehen, die fünf Maschen rechts stricken, das Strickstück noch einmal drehen, die fünf Maschen links stricken und vier Maschen über die erste ziehen. Es entsteht: ein dicker Böppel, unsere Noppe. Es bleibt: eine Masche. Perfekt.

Dann also losgestrickt. Von rechts nach links, so wie man liest. Dachte ich. Drei Maschen rechts, 1 Masche links, eine rechts, ein Zöpfchen, 7 Maschen links, 6 rechts, 6 links, eine Noppe, ein Zöpfchen zurück, eine rechts, eine links, 3 rechts. Sah gut aus, also immer so weiter, die Rückreihe immer so wie die Maschen erscheinen. Was jetzt so einfach klingt, fühlte sich an wie in der ersten Klasse, als man plötzlich diese kryptischen Zeichen, die die Erwachsenen Buchstaben nennen, zu Wörtern zusammensetzen sollte, die dann schon gar nicht mehr so fremd wirkten, wenn sie fertig waren. Die Wörter kannte man, die waren gut. Hier auch: Jedes Kästchen dieser Hieroglyphen-Strickschrift habe ich einzeln abgearbeitet, vollkommen aussichtslos, dass man sich jemals die Reihenfolge würde merken können, jede Reihe anders. Anstrengend, aber spannend – denn das Ergebnis konnte sich sehen lassen! Und so habe ich immer weiter gestrickt, bis die ersten 32 Reihen gestrickt waren.

Dann sollte die erste Ecke des Bilderrahmen folgen. An sich gar nicht mal so schwer. Zu Beginn der Ecke nimmt man über 14 Reihen zu, ab der Mitte, also der Diagonalen, nimmt man sie wieder ab. Erschien logisch. Aber: Die Strickschrift war irgendwie seitenverkehrt. Dabei hatte ich alles von links nach rechts gestrickt! So wie man liest!So wie man es in der Grundschule lernt! StrickSCHRIFT – StrickLESEN. Nichts war dort, wo es sein sollte. Ich fing an, die Maschen abzuketten, weil das Strickmuster keine anderen Rückschlüsse zuließ. Abnehmen?! So ein Quatsch. Weiterstricken ging aber auch nicht. Zumindest nicht über Eck. Nichts ging mehr. Und wie immer wenn nichts mehr geht: Google. Suchbegriff: „Strickschriften lesen“. Irgendwie erniedrigend, aber wie so oft ausgesprochen hilfreich: Ich bin mit meiner Ahnungslosigkeit in bester Gesellschaft! Dutzende Forumseinträge dokumentierten ähnliche Erlebnisse bei Strickschwestern im ganzen Land.

Die erste Info: Man strickt von rechts nach links. Fuck. Alles falschrum. Kann doch nicht sein! Und so viele Fragen: Stricken Araber dann von links nach rechts? Also quasi auch seitenverkehrt, nur halt von ihrer Sprache ausgegangen? Und wie stricken Chinesen? Von oben nach unten? Unten nach oben? Ich war fassungslos. So ein unglaubliches Thema – und ich hatte noch nie etwas davon gehört! Dann die nächste Erkenntnis: Man strickt nicht immer zwangsläufig von rechts nach links. Man strickt immer von dort aus, wo die Zahl steht. Meistens ist das wohl rechts, in meinem Fall auch. Ich hätte also alles von rechts lesen müssen, bis auf eine Reihe, wo die Zahl links steht! Es war tatsächlich alles seitenverkehrt. Alles aufgetrennt. Von vorne angefangen. Zum Glück kam die erste Ecke schon so früh! Stellt euch vor, ich hätte erst dreimal 32 Reihen gestrickt und hätte dann festgestellt, dass alles falsch herum war! Glück gehabt.

Erkenntnis des Tages – um nicht zu sagen: meines bisherigen Stricklebens: Man strickt das Muster immer von dort, wo die Zahl steht. Immer von dort, wo die Zahl steht. Jawohl. Ich habe inzwischen neu angefangen, es sieht gut aus. Immer von dort, wo die Zahl steht! Rechts, links, hoppsassa! Immer von dort, wo die Zahl steht! Eure Liesl

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