Die Sache mit den Farben

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Als meine Freundin mir mitteilte, dass sie ein Kind erwarte, habe ich natürlich sofort meine Stricknadeln gezückt. Das Kind muss doch was zum Anziehen haben! Es war Mai, Geburtstermin Anfang August. Eine nette kleine Wickelstrickjacke sollte es sein für das kleine Mädchen – wie praktisch, dass ich noch jede Menge Wolle in zarten Tönen, hellrosa-dunkelrosa-weiß-helllila-dunkellila-pink-changierend, da hatte. Ein paar Tage nach der frohen Botschaft war das Geschenk zur Geburt der kleinen Tochter meiner Freundin schon fertig. Fast. Nur die Knöpfe fehlten noch.

Ende Juli telefonierte ich wieder mit meiner Freundin. Wie geht’s? Was macht die Geburtsvorbereitung? Ist das Kinderzimmer schon fertig? Ja, hörte ich am anderen Ende, es sei alles schon präpariert, der Kleine bekommt ein Afrika-Zimmer. Der Kleine?! Kann nicht sein, habe ich bestimmt falsch gehört. Eine Tochter bekommt sie, eine Tochter. Elefanten, Giraffen und Löwen seien an die Wände geklebt worden, ein richtiges Jungs-Zimmer. Jungs-Zimmer?!

Meine Gehirnwindungen glühen. Wie komme ich denn auf die Idee, sie würde ein Mädchen bekommen?! Das hatte sie mir gesagt, da war ich sicher. Ein Mädchen. Ganz sicher ein Mädchen. Außerdem haben alle in meinem Umfeld Mädchen bekommen. Sie auch. Moment, sage ich, Jungs-Zimmer?! Ja, sagt sie. Es wird ein Junge.

Ein Junge. Mit hellrosa-dunkelrosa-helllila-dunkellila-pink-changierender Wickelstrickjacke. Kann man machen. Nein, kann man nicht machen. Ich erzähle es meiner Mutter. Sie sagt, man könne doch wohl auch einem Jungen etwas Rosafarbenes anziehen. Sie hat Recht, der Junge wird sich darüber wohl kaum beschweren. Zumindest nicht heute. Aber meine Freundin? Würde sie es ihm anziehen? Ist sie unkompliziert wie meine Mutter? Oder hat sie die gleichen gesellschaftlichen Normen vor Augen wie ich? Einen Jungen in rosa zu kleiden – das würde ich vermutlich machen, wenn er es sich wünschen würde. Aber ohne ihn fragen zu können? Hätte ich keine Bedenken, hätte er vielleicht auch keine.

Wie groß ist nur die Gender-Schublade? Und wer hat sie aufgemacht? Ich habe mit einem Mädchen gerechnet, habe Rosa gestrickt. Habe erfahren, es würde ein Junge werden, habe Rosa ausgeschlossen. Hatte mich verstrickt. In meinen eigenen Regeln. Blau für ein Mädchen geht. Rosa für einen Jungen nicht. So ist das offenbar bei mir. Ist Gender Vererbung? Würde ich damit aufhören, könnte er vielleicht auch damit aufhören. Dann müssten aber alle anderen auch damit aufhören. Meine Mutter hat schon angefangen, damit zu aufzuhören. Sie ist uns allen voraus. Aber würde sie mit Anzug und Krawatte aus dem Haus zum Einkaufen gehen?

Ich sage zu meiner Freundin, ich hätte Rosa gestrickt, weil ich mir das falsch gemerkt hatte. Und sie sagt: Oh nein, wie schade. Rosa ist nicht so gut. Es wird ja ein Junge. Jetzt stricke ich Blau. Geht für Mädchen und für Jungen. Und es ist ja ein Junge. Die Knöpfe an der hellrosa-dunkelrosa-helllila-dunkellila-pink-changierenden Wickelstrickjacke fehlten bis zuletzt immer noch. Ich habe gestern einen Freund getroffen. Er kriegt ein Mädchen. Die Knöpfe sind jetzt dran.

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