Von Schotten, Schafen und Harris Tweed

Ich hatte es versprochen. Mein Urlaub in diesem Jahr sollte mich nach Schottland führen. Was das mit Stricken zu tun hat? Zunächst mal nichts. Dachtet ihr! Aber dann kam Youtube: Die schnellste Strickerin der Welt, Hazel Tindall, lebt in Schottland, auf den Shetland-Inseln. Bäm! Als Strickerin in der dritten Generation hatte sie offenbar ganz gute Strick-Gene abgekriegt, so bringt man es also auch zu was.

Schottland. Land der Schafe. Schurwolle auf vier Beinen, soweit das Auge reichte. Wir fuhren nicht auf die Shetland-Inseln, aber trotzdem ganz in den Norden: Auf die Äußeren Hebriden, vor der nordwestlichen Küste des Landes. Wir flogen nach Glasgow, von dort aus fuhren wir – oft auf einspurigen Straßen, wenn nicht einspurig, dann links – über Loch Ness bis hoch nach Ullapool. Von dort mit der Fähre in dreieinhalb wackligen Stunden, Delphin-Sichtung inklusive, nach Stornoway auf der Insel Lewis.

Lewis ist der nördliche Teil der Doppelinsel Harris und Lewis, gleichzeitig wohl auch die landschaftlich kärgere, aber nicht weniger spannende Hälfte. Lewis war relativ schnell erschlossen, aber das war nicht schlimm. Mehrere Steinkreise, Blackhouses und Felsenklippen später fuhren wir in Richtung Süden nach Harris, wie gesagt, der zweite Teil der Doppelinsel Harris und Lewis.

Auf Harris wurde die Landschaft schlagartig deutlich lieblicher – auf der einen Seite, der Ostseite, Richtung Festland (Kann man das überhaupt sagen, wenn es um Großbritannien geht?): zerklüftete Felsbuchten, glasklares, dunkelblaues Wasser und saftige Vegetation, in der sich hunderte Schafe sichtlich wohlfühlten. Harris WestküsteAuf der anderen Seite, der Westseite, zum offenen Meer hin: Karibisch-weiße, kilometerlange Sandstrände mit türkis schimmerndem Wasser, im Hintergrund die höheren Berge der ansonsten eher flachen Insel.

Hier also hat man sich den legendären Harris Tweed ausgedacht. Oft gehört, nie drüber nachgedacht, aber das leuchtet ein. In dieser vollkommenen Landschaft bleiben einfach keine Wünsche mehr offen, da fängt man automatisch an, Tweed zu weben.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Harris Tweed hat eine uralte Geschichte, die Herstellung des Schurwoll-Stoffs ist inzwischen im Harris Tweed Act von 1993 geregelt, der Stoff selbst ist natürlich älter. Und ein schottisches Gesetz wäre wohl kein schottisches Gesetz, wenn es nicht auch ein klein wenig eigentümlich wäre. Es heißt: „Harris Tweed ist ein Stoff aus reiner Schurwolle, die auf den äußeren Hebriden gefärbt und gesponnen wurde und von Hand durch Einwohner der Inseln Lewis, Harris, Uist und Barra in deren Wohnhäusern gewebt wurde.“ Es sagt zwar nicht, dass man dort geboren sein muss, aber die Tatsache, dass man dort leben muss, um das Echtheitszertifikat für seinen hergestellten Tweed zu erhalten, beschränkt die Zahl der potenziellen Harris Tweed-Produzenten schon auf ein Minimum. Platz wäre dort genug, so ist das nicht. Sogar ausgesprochen schöner Platz, mit zumeist überaus freundlichen und zuvorkommenden Menschen, derer es dort allerdings nicht sehr viele gibt. Es gibt auch Menschen, die dort hinziehen, eine habe ich kennengelernt. Sie sagt: Man muss dort nicht aufgewachsen sein, um dort leben zu können – man muss es nur wirklich wollen. Es ist eben am Ende der Welt.

Und dort, am Ende der Welt, wird also ein hoch exklusives Gewebe hergestellt, das nur dort und nur von denen, die dort leben, hergestellt wird. Und weil das in jedem Reiseführer steht, gibt es natürlich auch ein kleines, feines Harris Tweed-Museum, von dem ich für euch ein paar Fotos mitgebracht habe. Anstelle einer Postkarte, sozusagen. Seht selbst.

Anmerkung: Wenn ich nur irgendeine Verbindung zwischen Stricken und der schottischen Spezialität Haggis hätte herstellen können, hätte ich noch viel mehr erzählen können. Obwohl: Stricken kann man mit Wolle vom Schaf. Für Haggis wird ein Schafmagen mit den Innereien des Schafs gefüllt. Und das Schafsmagen-Spezialgericht Haggis unterscheidet sich nur in einem Buchstaben –wenn man es eng sieht, in zwei Buchstaben – von der Hebriden-Insel Harris. Wenn ich es recht überlege: Ich hätte schon… naja, ich lass‘ es. Guten Appetit, eure Liesl!

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