Euphorias Sonntagsstück

Ein Mädchen namens Euphoria. Euphoria Müller. Euphoria. Klingt nach European Song Contest, wobei ich mich immer schon über Schweden gewundert habe. Tatsächlich war Euphoria aber der Arbeitstitel für das Kind einer Freundin, das inzwischen auf der Welt ist und einen viel schöneren Namen trägt, den ich hier aber nicht nennen werde. Aus Gründen.

Euphoria war aber auch der nächste Anlass, Babyklamotten zu stricken. Und zwar welche für ein Kind, das bei mir persönlich noch nicht vorstellig geworden ist. Und ein Kind, von dem ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht wusste, ob es ein Mädchen oder ein Junge werden würde. Ohnehin frei von genderspezifischen Schubladen, habe ich mich für dunkelblau entschieden. Auch, weil ich noch dunkelblaue Wolle hatte. Aber vor allem wegen Gender.

Es sollte etwas Neutrales, aber Kindliches werden. Nicht zu verspielt, eher was für ein cooles Baby. Da meine Strickfähigkeiten noch nicht weit über glatt rechts und glatt links hinausgingen, hatte ich mich von anspruchsvolleren Ideen direkt wieder gelöst. Dank Ravelry und einigen weiteren Inspirationsquellen fiel die Wahl auf einen Pullunder (hier die Anleitung auf Deutsch). Da das Set um mindestens ebenso coole Babyschuhe ergänzt werden sollte, erschien mir das Mini-Tanktop irgendwie angebracht.

Zunächst also das Oberteil, den Pullunder – so einfach, dass man kaum weiß, wie man es erklären soll. Das Teil wird rundherum geknöpft, dann lässt sich das mit dem Anziehen problemlos bewältigen. Im Prinzip wickelt man Säugling also ein und knöpft dann einmal rundherum zu. Nicht schwer, darf man nur nicht beim Stricken vergessen: Die linke Seite ist außen offen, damit rechnet man, das ist kein Problem. Aber die rechte Seite ist ja nicht offen, da muss das Muster aber trotzdem so aussehen. Wie gesagt: Nicht schwer, aber dran denken!

baby-pullunder-offenErstmal kraus rechts, immer rechts, rechts, rechts, hin und her, irgendwann mal ein Knopfloch in den Rand. Dann wieder rechts. Ein paar Reihen. Dann für den Rand weiter ein paar Maschen kraus rechts, den ersten Hauptteil glatt rechts, dann die Mitte. Wie gesagt: Nicht schwer. Kraus rechts. Mitte kraus rechts, damit es am Ende genau so aussieht wie die Außenseite. Dann wieder Hauptteil zwei glatt rechts und am Ende ein paar Maschen kraus rechts. Und wieder zurück. Dran denken: Das Teil soll am Ende geknöpft werden – also Knopflöcher nicht vergessen! Alle paar Reihen stricke ich ein Knopfloch. Löcher stricken. Tss. Lesen Sie auch: Die Dialektik des Strickens. Ein Essay von Liesl Strick. Gibt’s noch nicht. Aber bald.

Zurück zum Thema: Das Ganze über einige Reihen wiederholen, dann zurück auf kraus rechts wechseln, bis der komplette Oberkörper bestrickt ist. Aber da wir ja für einen klitzekleinen Minimenschen stricken, ist das schnell geschafft. Am Ende Abnahmen für die Träger, die man einzeln zu Ende strickt, in die vorderen jeweils ein Knopfloch. Fertig.

baby-pullunder

Dann zu den Kurzwaren, bei denen wir gar nicht mal so kurz waren, zu groß ist die Auswahl. Am Ende viel zu viele bunte Knöpfchen gekauft, aber die braucht man immer mal. Außerdem: Achtung! Augenmaß ist hier nicht unbedingt der richtige Ratgeber. Am besten das halbfertige Strickteil mitnehmen und Knöpfchen an den Löchern direkt ausprobieren. Aufpassen, dass man nicht subversiv oder kriminell guckt. Schwierig, aber ratsam, während man an diesen Plastikröhrchen rumfummelt und sich irgendwie automatisch verdächtig fühlt. Wenn’s nicht klappt, unschuldig dreinschauende Maske aufsetzen.

Ich habe mich nach langem Soll-ich-oder-soll-ich-nicht für runde, bunte Knöpfchen entschieden. Nicht immer hilfreich für derlei Entscheidungen, aber inspirierend: der Decyder. Die Knöpfchen habe ich am entsprechenden Seitenteil (gegenüber den Knopflöchern) am Pullunder befestigt. Und herausgekommen ist ein wunderwunderhübscher Babypullunder, der vielleicht ein kleines Bisschen an eine kugelsichere Weste erinnert. Aber auch Babys führen beizeiten ein gefährliches Leben, da kann ein bisschen zusätzlicher Schutz nicht schaden. Fand übrigens auch die Mutter von Euphoria.

Was ich gelernt habe: Manchmal ist schön gar nicht schwer. Und: Manchmal ist die Freude eines Menschen über eine kleine Überraschung noch viel schöner als die Überraschung selbst. Und: Löcher stricken ist eindeutig paradox und erinnert mich irgendwie an Doppelhaushälfte. Nachdenkliche Grüße, Eure Liesl!

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